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Namibia: Skelettküste-Sossusvlei Unsupported

Einmal die Namib durchqueren – das war schon lange mein Traum. Ich wollte die Strecke vom Atlantik bis nach Sossusvlei direkt durch die Dünen zu Fuß gehen. Noch kein Mensch hatte das je zuvor versucht und es war viele Jahre lang unmöglich, eine Genehmigung der Regierung zu erhalten, um den Nationalpark betreten zu dürfen. 2013 endlich lag das Permit auf dem Tisch und das Abenteuer konnte losgehen!

   Namibia: Skelettküste-Sossusvlei Unsupported
   Zeit: Juni 2013
   Reiseart: Wüsten-Trekking-Expedition
   Teamleitung: Jerome Blösser

Wir waren ein kleines Team, bestehend aus den Namibiern Roi und Leander, sowie meiner Frau Stephanie und mir. Leander kannte ich seit Jahren und um ihn musste ich mir von der Fitness her gar keine Sorgen machen, da er in Namibia fast jedes MTB-Rennen mitfährt und Triathlons bestreitet. Auch Stephanie ist topfit und hatte schon in den letzten Jahren einige – vor allem harte – Trekkingtrips in Wüsten absolviert. Nur Roi war der große Unbekannte, er sei ein Abenteurertyp und hart im Nehmen. Das musste er wohl auch sein, denn er hatte nur noch einen Restmagen nach einer Operation.

Zunächst führte uns der Weg mit Jeep von Swakopmund entlang der Skelettküste zum Startpunkt unserer Wüstendurchquerung. Niemandsland. Keine Menschenseele, wo bis vor einigen Jahren noch das Diamantensperrgebiet No. 2 war. Robbenkolonien und umherstreunende Schakale waren die einzigen Anzeichen von Leben. Selbst die kleinen Diamantensiedlungen Holsatia, Charlottenfelder und Grillenberger, alle um 1908 gegründet, waren lange verlassen und in Geisterhand. Einst schürfte hier der kleine Mann unter bitteren Bedingungen doch im Verhältnis zu den vielen Entbehrungen fanden sich zu wenige der glitzernden Steine.    Fortsetzung unten

   Fotogalerie:

 

Fortsetzung    Die Skelettküste war bei den Seefahrern berüchtigt und nicht wenige Schiffspassagen fanden hier ein jähes Ende, wovon noch heute zahlreiche Wracks zeugen. Die Sanddünen der Namib stranden hier bis in den Atlantik und ostwärts findet man nichts als Wüste. War hier ein Schiff auf Grund gelaufen, versuchten die Seeleute in ihrer Verzweiflung einfach so lange am Strand entlangzugehen bis ein rettendes Licht, eine Siedlung kommen würde. Doch es endete meist in einer Katastrophe und dem sicheren Tod. Zwischen Walfischbucht im Norden und Lüderitz im Süden sind es 400 Kilometer pure Einsamkeit ohne Zivilisation, ohne Trinkwasser. Hätten die Seeleute nur gewusst, dass der vermeintlich schwierigere Weg durch die Wüste kürzer ist und zumindest mit kleiner Chance, vielleicht zu einer rettenden Farm oder Piste im Landesinneren zu gelangen.

Die Namib ist eine der wenigen Küstenwüsten und es ist die älteste Wüste der Erde. Gleichwohl ist die Namib auch eine Wüste ohne nomadische Tradition. Das bedeutet, es gibt keine Lasttiere, die wir nutzen konnten und auch keine Wasserstellen, die von Menschen angelegt wurden. Den zahlreichen Tieren der Namib genügt entweder die Feuchtigkeit vom Morgennebel, den es an mehr als 200 Tagen im Jahr im Küstenbereich gibt oder das Wenige, was in den Dünengräsern steckt. Für uns wäre das nicht genug.

Die geplante Strecke war überschaubar: Nur 60 Kilometer Luftlinie – wir rechneten mit 4 Wandertagen aber Niemand konnte einschätzen, wie schwierig das Terrain sein würde, denn die Dünen in der Region um Sossusvlei sind enorm hoch, bis zu 300 Metern und es ist ein richtiges Labyrinth aus Sandbergen mit tiefen Dünentrichtern dazwischen. Wir würden im Juni, also dem namibischen Winter, unterwegs sein und so müssten 3 Liter Wasser pro Tag und Person reichen. Also packte jeder 12 Liter Wasser in den Rucksack, dazu noch Proviant, Schlafsack, Isomatte und Zelt. Auf früheren Wüstentrips war ich oft ohne Zelt unterwegs, einfach um Gewicht zu sparen. Doch die ersten zwei Nächte würden wir noch relativ nah an der Küste schlafen und da war immer mit Nebel zu rechnen.

Nach einem tollen Abend an der Atlantikküste mit gegrilltem fangfrischen Fisch und Bier ging es am nächsten Morgen los. Roi hatte sicher nochmal 30% mehr in seinem Rucksack als wir, er ist Fotograf mit entsprechendem Equipment und wollte zusätzlich noch ein irrsinnig schweres Stativ außen anbinden. Davon konnte wir ihn zum Glück abbringen. Aber dennoch war sein Rucksack immer noch beängstigend groß und schwer. Der Start von der Küste weg war einfach zu gehen aber dann kamen die ersten Wanderdünen, die durch den stetigen Südwestwind geformt werden – und die hatten es in sich. Mächtige Dünengipfel mussten überwunden werden und in der zweiten Wanderstunde hatten wir sogar eine unliebsame Begegnung mit einer Namib-Sandviper. Das Tier war aber noch in Kältestarre und daher harmlos – wir konnten es sogar aus der Nähe fotografieren!

Dann veränderten sich die Dünen langsam, die Farbe wurde mit jedem Kilometer landeinwärts rötlicher und auch die Architektur wechselte von verschachtelten Dünenfeldern hin zu Paralleldünen, die in Nord-Süd-Richtung verlaufen. Wir mussten ja nach Osten und deshalb Dünenkette um Dünenkette queren. Nach jeder Düne kam ein Tal von ungefähr 2 Kilometern Breite, bevor es über den nächsten Sandberg ging. Zusätzlich zu den Höhenmetern des ständigen auf und ab kam dann noch die Differenz vom Meeresspiegel am Startpunkt und den knapp 800 Metern Höhe in der Region Sossusvlei.

Wir kamen prächtig voran, und lagen absolut im Plan. Dann hatten wir unser letztes Lager vor Sossusvlei aufgeschlagen. Von hier waren es noch 15 Kilometer, fast ein Katzensprung aber wir wussten, dass jetzt der schwierigste Teil kommen würde. Als wir ums Lagerfeuer herum saßen und unsere Expeditionsnahrung kochen, sagt uns Roi, dass er kein Wasser mehr übrig hat. Ungläubig schauen wir uns an. Jeder hatte doch die gleiche Menge, also 12 Liter, eingepackt! Wie kann es sein, dass seine Wasserbeutel schon leer sind? Ich schaue mir die Behälter genauer an. Da passen ja auch nur 2 Liter rein, sage ich zu Roi! Er war im festen Glauben, dass in jeden seiner vier Beutel 3 Liter Wasser passen. So ist klar, dass ihm nun 4 Liter fehlen!

Wir zählten unsere Reserven durch. Jeder von uns dreien hatte genug für sich selbst und den nächsten schwierigen Wandertag. Also mussten wir von jetzt an rationieren und unsere Vorräte neu aufteilen. Der Kaffee zum Abend war nun nicht mehr drin…

Am nächsten Morgen dann früh raus. Der Himmel ist bewölkt. Als Fotograf freut mich so etwas nicht aber jetzt waren wir froh, die heiße Sonne hinter den Wolken zu finden und waren in der Hoffnung, dass es möglichst lange so bleiben wird. Die Dünen wurden immer höher und es wurde schwierig, auf den Satellitenfotos den richtigen Weg durch das Labyrinth zu finden. Obwohl wir weit von der Küste entfernt waren, wurde die Wüste mit jedem Kilometer landeinwärts grüner. Auch sahen wir jetzt deutlich mehr Tiere. Oryxantilopen, Raben oder ein Namaqa-Chamäleon.

Aber für die Schönheit der Landschaft und ihrer Bewohner hatten wir kein Auge, der Durst wurde immer stärker, nur wenige Schlucke Wasser pro Stunde waren drin und unsere Kehlen wurden immer trockener. Laut GPS waren wir jetzt nur noch wenige Kilometer vor Sossusvlei, wo wir mit David verabredet waren, der hier am Fuß der berühmten Düne Big Mama auf uns warten sollte. Aber die letzten Kilometer wurden immer länger und wenn wir dachten, jetzt haben wir es gleich geschafft, stellte sich wieder ein enormer Dünenriegel in den Weg, wo wir mühsam außen herumwandern mussten. Dann endlich die letzte Düne. Oben auf dem Grat Erschöpfung aber vor allem Erleichterung. Wir haben es geschafft! Unten im Tal sahen wir die Kameldornbäume des Parkplatz in Sossusvlei. Und keine zehn Minuten später – perfektes Timing – kam David angefahren und hatte sogar eiskaltes namibisches Tafel Lagerbier in der Kühlbox J
   Video zur Expedition folgt in Kürze