Grönland: Durchquerung Inlandeis

120 Jahre nachdem der Norweger Fridtjof Nansen das Inlandeis Grönlands überquert hatte, machten sich 2008 Martin Hülle und ich gemeinsam auf die Reise in den hohen Norden, das Gleiche zu versuchen. Zu zweit wollten wir – wie Nansen – völlig autark mit Ski und Pulka-Schlitten die unermessliche Weite des Inlandeises nur aus eigener Kraft überwinden.

Unsere Expedition war ein modernes Abenteuer, welches auf den Strategien erfolgreicher Expeditionen aufbaute aber natürlich technisch und ausrüstungsmäßig auf neuestem Stand sein würde. Fast ein Jahr vor der eigentlichen Expedition begann die Arbeit am Projekt. Natürlich gab es viel zu planen, Gepäcktransport und Permits zu organisieren, die Finanzierung sicher zu stellen und die umfangreiche Ausrüstung für eine solch anspruchsvolle Expeditionsreise zusammenzustellen.

   Grönland: Durchquerung Inlandeis
   Strecke: Isortoq – Point 660 (Westküste)
   Zeit: April/Mai 2008
   Reiseart: Ski-Expedition mit Pulkaschlitten und Zelt
   Team: Martin Hülle + Jerome Blösser

Auch das Training war ein wichtiger Bestandteil, denn eine Grönlanddurchquerung macht man nicht mal eben aus dem Stand. Um das Ziehen der mehr als einhundert Kilo schweren Pulkaschlitten zu üben, zogen wir mehrmals pro Woche Autoreifen an einer Kette durch den Stadtwald. Sehr zur Belustigung von Spaziergängern und Joggern. Irgendwann vermied ich es, am Sonntag in den Wald zu gehen, denn das war wirklich Spießrutenlaufen und man musste sich manchen „lustigen“ Spruch anhören…

Dann im April 2008 flogen wir über Island an die Ostküste von Grönland nach Kulusuk und weiter nach Tasiilaq. Dort quartierten wir uns im legendären Red House von Polarabenteurer Robert Peroni ein. Wir waren startklar und ungeduldig – nur unser Gepäck, was wir schon Wochen vorher als Cargo aufgegeben hatten, war immer noch nicht eingetroffen! So vertrieben wir uns die Zeit in dem kleinen Städtchen Tasiilag, mit 2.000 Einwohner die größte! „Stadt“ an der Ostküste. Viel gab es nicht zu tun, außer Spazierengehen und den Einheimischen beim Eisangeln zuzuschauen.    Fortsetzung unten

   Fotogalerie:

 

Fortsetzung    Dann war der nächste Helikopter aus Kulusuk angekündigt, laut der freundlichen Dame der Air Greenland sei da auch unser Gepäck drin. Der gleiche Helikopter, der das Gepäck bringt, würde eine halbe Stunde später weiterfliegen nach Isortoq, unserem geplanten Startort der Expedition. Der nächste Flug würde erst einige Tage später gehen. Einziges Problem: Wir müssen unser Equipment von der lokalen Polizeistation, die auch für die Permits für Grönlanddurchquerungen zuständig ist, prüfen und für ok befinden lassen, sonst dürfen wir nicht übers Inlandeis. Also sind wir zur Polizeistation geflitzt und haben den extrem entspannten Polizisten gebeten, ob er nicht zum Heliport kommen würde und da einen Blick auf alles wirft und wir gleich los könnten. Gesagt getan, er machte das dann auch und die Inspektion unseres Equipments erfolgte eher grob ohne Auspacken und so. Aber da Martin schon einmal Grönand durchquert hatte und wir ihn im Gespräch anscheinend von unserer Kompetenz überzeugen konnten, gab er grünes Licht – und es konnte losgehen!

Der Flug nach Isortog, einem kleinen Fischerdorf an der Küste, dauerte eine halbe Stunde und die letzte Nacht durften wir uns im Gemeindehaus einquartieren. Dort packten wir erst einmal bis spät in den Abend und stiegen müde aber noch mehr aufgeregt in die Schlafsäcke.

Der Starttag bot uns gutes Wetter und gute Sicht. Bei Sonne und mäßig kühlen Temperaturen überquerten wir einen zugefrorenen Fjord und begannen dann mit dem mühevollen Aufstieg auf die Inlandeiskappe. Zwei Dinge ließen uns versuchen, schnell nach oben zu gelangen: Zum einen Eisbären, die sich nur in Küstennähe aufhalten und zum anderen der gefürchtete Piterak, der hier mit bis zu 300 Stundenkilometern vom kalten Inlandeis wie ein gigantischer katabytischer Fallwind zur Küste hinabstürzen kann. Wenn der uns erwischen würde, dann gute Nacht! Im Zelt wäre das eine ziemlich kritische Sache..

Wir hatten dann in den nächsten Tagen einiges an Sturm aber in der Summe gut abzuwettern. Den ganzen April hatte es schon extrem gestürmt, soviel wie seit Jahren nicht und dadurch war der Untergrund extrem aufgerissen. Riesige Furchen, sogenannte Sastrugi, machten unser Vorwärtskommen extrem schwer. Die ungefähr 100 Kilo schweren Pulka-Schlitten rutschten in die Sastrugi und mussten dann wieder rausgezogen werden, eine Qual für unsere Rücken und so schafften wir an keinem der ersten Tage unser Minimalziel von 20 Kilometer.

Umso höher wir aufs Inlandeis gelangten, desto besser wurde der Untergrund und endlich war an normales Gehen zu denken. Das Wetter spielte uns in die Karten und wir konnten Tag für Tag ein kleines Stückchen weiter kommen. Wenn wir abends in der Grönlandkarte unsere Position eintrugen, war es manchmal beängstigend, wie wenig Strecke wir bislang zurück gelegt hatten im Verhältnis zum großen leeren Weiß auf der Karte bis zur Westküste! Aber wir hatten Zeit, genügend Proviant wie Kocherbenzin und unerschütterlichen Willen, die Aufgabe zu schaffen.

Dann Bergfest am höchsten Punkt unserer Reise auf 2.500 Metern. Ab hier würde es stetig und kaum merklich wieder hinab gehen bis an den westlichen Rand des Inlandeises.

Nach mehr als zwei Drittel der Strecke dann ein kleiner schwarzer Fleck am Horizont. An diesem Tag war sensationelles Wetter und eine unglaubliche Fernsicht. Das bisschen schwarz, was wir nach wochenlangem eintönigen Weiß entdeckten, handelte sich um die verlassene Radarstation DYE2. Wie ein Raumschiff steht diese gigantische Radaranlage seit dem kalten Krieg mitten auf dem Inlandeis und sie diente einst den Amerikanern zur Raketenabwehr gegen die Sowjets. Es dauerte zwei Tage, bis wir an der Dye Station ankamen. Direkt davor das kleine Camp Raven, wo im Sommer zwei Amerikaner die Landepiste für Start- und Landeübungen für Herkules Frachtflugzeuge mit Skikufen der U.S. Army präparieren. Besuch ist dort immer willkommen und da schon wieder ein Sturm aufzog, schlugen wir unser Tunnelzelt direkt am Camp auf und freuten uns über zwei Ruhetage in abwechslungsreicher Umgebung. Natürlich war auch ein Besuch der Radarstation angesagt – und Drinnen ist es wirklich spooky!!!

Nach zwei Tagen dann wieder Sonne am Himmel und wir nahmen die letzten 180 Kilometer bis zur Küste in Anlauf. Tagesschnitte von über 30 Kilometern waren nun endlich drin aber die Freude währte nur kurz, denn der nächste Sturm zog auf und zwang uns erneut einen Pausentag auf. Dann ging es weiter und am letzten Tag hatten wir 45 Kilometer bis zum Ziel, dem Point 660, vor uns. Hier führt eine Piste bis an den Eisrand und dort wollten wir uns dann von Kangerlussuaq abholen lassen. Wir waren uns einig, die 45 Kilometer in einem Stück hinter uns bringen zu wollen. Vorher hatten wir ja schon mal an die 35 Kilometer am Tag geschafft, dann würde es halt etwas länger werden aber die Sonne ging jetzt Ende Mai eh kaum noch unter den Horizont.

Die ersten 30 Kilometer liefen wie geschmiert in nur 5 Stunden aber dann veränderte sich das Terrain und wurde zu einem chaotischen Labyrinth aus Eisbuckeln mit Gletschersumpf dazwischen und es war kaum an gutes Vorwärtskommen zu denken. Die ganze Nacht liefen wir durch, immer in Sorge vor den Spaltenzonen und mussten teilweise große Bogen um Gletscherseen machen. Einmal brach ich bis zur Hüfte ein, unter mir rauschte ein Gletscherbach – kein richtig gutes Gefühl! Dazu begann orkanartiger Wind und wir waren heilfroh fast unten zu sein, wie musste sich der Wind erst oben auf dem Inlandeis anfühlen! Morgens gegen 8 Uhr erreichten wir dann endlich das Ziel, die Eiskante. Wir waren 22 Stunden am Stück gegangen und ich hatte das erste Mal den Eindruck, wie es sich anfühlt, wenn der Körper irgendwann umschaltet, kräftig Hormone ausschüttet und man mit einem Grinsen im Gesicht vollkommen fertig Kilometer um Kilometer weitermacht, auch wenn man eigentlich nicht mehr kann. Das nennt man eisernen Willen!

Martin und ich erreichten überglücklich nach 30 Tagen die Ostküste. Eine schöne, intensive und manchmal auch harte Zeit lag hinter uns. Wir hatten keine einzige Auseinandersetzung, sind gesund geblieben und waren mächtig stolz, das große Abenteuer Inlandeisdurchquerung Grönlands geschafft zu haben.

   Das ausführliche Tagebuch zur Expedition hier

Abenteurer – Wüstenprofi – Trekkingguide