Island: Winter Durchquerung

Nach der erfolgreichen Durchquerung des grönländischen Inlandeises im Jahr 2008 wurde es wieder einmal Zeit für ein besonderes Winterprojekt. Nach Grönland gibt es als Steigerung eigentlich nur den Nord- oder Südpol. Sieht man die Kosten ab fünfzig Tausend Euro pro Nase für eine solche Expedition, rücken die beiden Pole leider schnell ins Theoretische.

Seit Jahren war ich auf Island unterwegs, hatte 2010 den Vatnajökull Gletscher überquert und die Insel aus Feuer und Eis hatte mir immer sensationell gefallen. Martin Hülle, mein Partner in Grönland, hatte im Vorjahr eine Islanddurchquerung durch Krankheit seines Teampartners absagen müssen und so also noch eine Rechnung offen. Gemeinsam entschlossen wir uns, die Insel im Winter mit Ski und Pulka 2013 zu überqueren. Das Projekt würde eine kommerziell geführte Expeditionsreise werden, die ich mit Puretreks anbiete.

   Island: Winter Durchquerung
   Strecke: Öxnadalsheidi (Ringstraße) – Skalafellsjökull
   Zeit: März 2013
   Reiseart: Ski-Expedition mit Pulkaschlitten und Zelt
   Teamleitung: Jerome Blösser + Martin Hülle

Also begann die Planung und Ausschreibung des Projekts. Bei unseren Recherchen mussten wir feststellen, dass eine Winterdurchquerung von Island bis dahin äußerst selten unternommen wurde und nur ein Bruchteil der wenigen Expeditionen waren dabei erfolgreich. Nach unserer Schätzung durchquerten pro Saison zwischen 25 und 40 Teams Grönland, Island hingegen nicht einmal fünf. Grönland klingt sicher spektakulärer als Island aber bei unseren Recherchen wurde uns schnell klar, dass eine Islanddurchquerung im Winter mit Ski und Pulka sogar deutlich härter ausfallen kann, als das Gegenstück in Grönland.

Grund dafür ist das sehr wechselhafte isländische Wetter. Nicht die große Kälte ist hier das Hauptproblem – wobei es auf dem Gletscher Vatnajökull auch mal minus 35° Grad werden kann – es ist der Wind, starker Schneefall aber auch zu wenig Schnee im Hochland kann eine Durchquerung unmöglich machen.

Wir lasen Berichte anderer Expeditionen, die aus dem Hochland evakuiert werden mussten, da sie trotz 24-Stunden Dauereinsatz, um das Zelt nicht komplett unter Neuschnee versinken zu lassen, kapitulierten. Andere berichteten von Stürmen, die alles wegbliesen, was nicht bombenfest im Boden verankert war… Wir waren also gewarnt.     Fortsetzung unten

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Fortsetzung    Im März 2013 war es dann soweit. Ein Team aus 7 Abenteurern machte sich mit Unmengen Gepäck auf den Weg nach Island. Zunächst führte uns der Weg nach Reykjavik und von dort aus in den Norden der Insel bis zur kleinen Hafenstadt Akureiry. Hier in der Nähe wollten wir am nächsten Tag starten. Die ganze Nacht schneite es wie verrückt, wir würden uns zumindest für die ersten Etappen wohl keine Sorgen über Schneemangel machen müssen. Siggi, ein verrückter Isländer, brachte uns mit seinem Expeditionstruck auf der Ringstraße zum Pass von Öxnadalsheidi. Hier ging es los und am ersten Tag waren zunächst mal einige hundert Höhenmeter zu bewältigen, hinauf aufs Hochland. Strahlender Sonnenschein machte uns die erste Etappe sehr angenehm, einen Tag früher und bei Schneesturm hätte das schon anders ausgesehen!

Kaum oben angekommen, typisch isländischer Wetterumschwung: Dicke Wolken zogen auf und es begann leicht zu schneien. So blieb es auch die nächsten Tage, immer etwas stürmisch, miese Sicht und oft Schneefall. Unser erstes Zwischenziel war die kleine private Hochlandhütte Bergland. Der Weg dahin nicht einfach, da hier auf dem Hochland der Schnee oft weggeblasen war und Blankeisfelder zu queren waren, eine ziemliche Rutschpartie und natürlich immer die Gefahr, sich die Knochen zu brechen. Für zwei Nächte tauschten wir Hütte gegen Zelt, denn nach der Bergland kamen wir zur Laugafell, eine große und komfortable Hütte, wo es sogar einen Hotpot, also warmen Pool, hat. Hier entspannten wir im durch Vulkanwärme angenehm temperierten Naturwasserbecken, nur auf dem Kopf eine dicke Mütze wegen der Minusgrade. In Laugafell trafen wir sogar eine Gruppe Isländer mit ihren monströsen Superjeeps. Sie hatten alles Wichtige dabei, vor allem Unmengen an Bier – wollten uns gemeinerweise aber nichts davon abgeben. Einer der Jeeps war defekt und musste von hier über das komplette Hochland zurück nach Reykjavik geschleppt werden. Aber wie sagt der Isländer unerschütterlich: Thedda Reddast – es wird schon gutgehen! Die Isländer waren ziemlich erstaunt, hier andere Menschen zu treffen, denn das Hochland ist im Winter normalerweise komplett ausgestorben. Als wir ihnen auch noch erzählten, dass wir bis an die Südküste und vor allem über den Vatnajökull Gletscher gehen werden, sagten sie nur: „you are crazy!“ Naja, ein bisschen recht hatten sie wohl aber ich entgegnete typisch isländisch: Thedda Reddast 😉

Nach der Laugafell ging es über die Sprengisandur Hochlandwüste. Im Sommer ist hier nicht viel außer schwarzer Lava und eine Wanderung ziemlich monoton. Jetzt, mit Schnee und vor allem blauem Himmel, war die Gegend sogar ziemlich schön. Wir hatten ein seltenes Schönwetterloch erwischt und so konnten wir einige Tage am Stück bei Traumwetter bis fast an den Rand des Vatnajökull kommen. Größtes Problem in den letzten Tagen waren die stetig abnehmenden Schneemengen. So mussten wir an einem Tag die schweren Pulkaschlitten einige Male zu Fuß über Lavafelder tragen. Auch direkt südlich der Nyidalur Hütte war sowenig Schnee, dass wir gerade noch in Reifenspuren der Hochlandpiste auf vielleicht zwei Zentimeter Restschnee oder auf zugefrorene Seen mit Ski gehen konnten.

Am Vonaskars, dem Pass der Hoffnung, stiegen wir dann auf den Gletscher und ab hier sollten wir uns bis zum Verlassen des größten Gletschers Europas keine Sorgen mehr über zu wenig Schnee machen müssen. Mit einer kleinen Pause hielt sogar das Wetterglück an. Gerade hier auf dem Gletscher hatten wir den meisten Respekt vor Sturm oder extremen Temperaturen gehabt. Es war zwar kalt aber die Sonne zeigte sich eigentlich immer. In der Grimsvotn-Gletscherhütte legten wir einen verdienten Pausentag ein. Die Hütte liegt im Zentrum des Gletschers direkt am gleichnamigen – und noch aktiven – Vulkan.

Die letzten Tage führte uns der Weg dann in Richtung Südosten. Zielpunkt war eine Piste, die am Skalafellsjökull von der Ringstraße ungefähr 15 Kilometer bis an den Gletscher heranführt. Hier wollten wir aufs Festland absteigen und hoffentlich mit genügend Schnee unter den Füßen auf Ski bis an die Küste kommen. Aber daraus wurde nichts. Als wir den Gletscher verlassen hatten, ging es vielleicht noch einen Kilometer mit genügend Schnee weiter aber dann war Schluss. Nun stand uns eine wirklich harte letzte Etappe bis zur Ringstraße bevor! Wir leerten die Pulkas komplett aus, packten alles in die großen Rucksäcke um und natürlich musste auch ein Teil Draußen angebunden werden. Genauso wie die Ski und die Pulkaschalen. Ich schätze, wir hatten jetzt locker 30 Kilo auf dem Rücken, aber die gute Nachricht: Es ging ja nur noch bergab 😉 So wanderten wir die Kilometer bis an die Ringstraße hinunter und unten angekommen, war die Freude unbeschreiblich: Wir hatten es gepackt, wir hatten Island von Nord nach Süd im Winter erfolgreich durchquert! Durch das enorme Wetterglück brauchten wir gerade einmal 15 Tage dafür.

Im Februar 2017 werde ich mit einer Gruppe eine weitere Island Winter Ski Durchquerung durchführen! Mehr Infos zur Expeditionsreise hier

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