Mauretanien: Sahara Trekking

Der geschätzte Schriftsteller Andreas Altmann beschreibt in seinem Buch „Weit weg vom Rest der Welt“ Mauretanien sei nicht wie eine fremde Welt, sondern eher wie eine entfernte Galaxie. Vielleicht einer der Gründe, warum es mich Mitte der 1990er Jahre dorthin zog. Mein Bruder und ich buchten also für teure 2000 Mark Flugtickets mit der Air France via Paris in die „malerische“ Hauptstadt Nouakchott. Wo vor 40 Jahren nur zwei Zelte standen, war in den 1990er Jahren bereits eine echte Stadt mit Märkten, Fischhandel, schäbigen Hotels und sogar einer einzigen Verkehrsampel gewachsen. Wollte man ins Landesinnere, ging kein Weg an Nouakchott vorbei. Von hier aus organisierten wir uns die weitere Reise in die Wüste mit dem Buschtaxi. Eine touristische Infrastruktur gab es zu dieser Zeit nicht.

   Mauretanien: Sahara Trekking
   Region: Adrar, Erg Ouarane
   Zeit: Wintermonate 1998 – 2008
   Reiseart: Wüsten-Trekking-Expeditionen
   Team: Jerome Blösser (Guide), diverse Teilnehmergruppen

Irgendwann nach Mitternacht ließen wir uns vom mit Menschen, Gepäck und sogar Ziegen völlig überladenen Buschtaxi an einer Pistengabelung mitten im Nichts der Sahara absetzen. Viele große weiße Augen aus dunklen Gesichtern schauen uns ungläubig hinterher, als wir die schweren Rucksäcke schultern und ins Weite Nichts der Wüste verschwinden….

Mein Bruder und ich erarbeiteten uns mit jeder Reise nach Mauretanien ein kleines Stück mehr vom Adrar, welches im Westen durch schroffe Berglandschaft und gen Südosten von den endlosen Dünen des Erg Ouarane begrenzt wird.    Fortsetzung unten

   Fotogalerie:

 

Fortsetzung    Als einzige Navigationshilfe hatten wir damals 40 Jahre alte IGN-Karten im Maßstab 1 zu 200.000, einen Kompass und ein kleines GPS Satellitengerät dabei. Wenn man zu Fuß und ohne Begleitung von Kamelen und ortskundigen Nomaden durch die Wüste geht, ist der Aktionsradius immer nur so weit, wie die nächste sichere Wasserstelle entfernt liegt. Wir rechneten mit minimal 3 Litern pro Person und Tag, bei 15 Litern Wasser sind das gerade mal 5 Tage. Ich war nie ein großer Draufgänger. Berufsabenteurer, die als Credo für ihre Bücher und Vorträge immer „haarscharf an der Katastrophe vorbei und gerade noch durchgekommen“ anstimmten, empfand ich eher als ziemliche Idioten, denn als Helden. Natürlich gibt es immer ein Restrisiko aber sich mutwillig bzw. durch eigene Dummheit in Lebensgefahr zu bringen, war nie mein Ding. In der Realität bedeutete dies, immer genügend Wasser dabeihaben zu müssen, um sicher zurückzukommen falls ein Brunnen trocken ist. Viele der in den alten Karten eingezeichneten Brunnen existierten nicht mehr, manchmal gab es einen neueren in der Umgebung den man „nur“ finden musste, und manchmal fanden wir auch durch Zufall Brunnen, die auf keiner Karte vermerkt waren.

Wenn man regelmäßig und das einige Jahre lang in die gleiche Region reist, sich ja genau wie die Nomaden fortbewegt, dann lernt man die Menschen der Wüste unweigerlich kennen. Freundschaften bauen sich auf und so gab mir auch der Maure Ahmed aus Chinguetti irgendwann den Anstoß, eine Reiseagentur für Wüstenreisen zu gründen. Er sagte: „Jerome, Du kennst die Wüste doch besser als alle anderen, die hierher kommen mit ihren Reisegruppen. Warum machst Du das nicht?“ und damit hatte er Recht. Kurz nach der Jahrtausendwende gab es dann in Mauretanien einen Anflug von sanftem Wüstentourismus und es gab es erstmals Direktflüge von Paris in die kleine Regionshauptstadt Atar. Auch ich begann meine ersten geführten Karawanenreisen anzubieten und als persönliche Herzensangelegenheit, entwickelte ich aus meinen bisherigen Rucksackexpeditionen ein eigenes Reiseprodukt, was an sportliche und vor allem abenteuerlustige Wanderer gerichtet war.

Die zweiwöchige Rucksacktour bekam den ehrfurchtsvollen Namen „Dunechallenger“, da die Strecke meist durch anspruchsvolles Dünenmeer führte. Die ca. 200 Kilometer lange Route führte von der antiken Karawanenstadt Ouadane westwärts über Chinguetti bis zu einer kleinen Bergkette. Wasser konnten wir auf dieser Reise spätestens alle 3 Tage auffüllen und dadurch, dass ich die Region mittlerweile wie meine Westentasche kannte und auch beste Kontakte zu den lokalen Nomadenfamilien pflegte, wusste ich immer, wie die aktuelle Wasserlage ist, welcher Brunnen versandet ist, oder wo es sogar eine neue Wasserstelle gibt. Den Proviant teilte ich für die 12 Etappen auf und legte meist auf einer zuvor durchgeführten Karawanenreise ein Depot irgendwo in der Wüste an. Dazu vergrub ich Proviantsäcke und manchmal sogar Wasserbehälter, markierte die Stelle und hoffte, dass nicht irgendwer alles in der Zwischenzeit ausgaben würde (was auch tatsächlich nie passierte). Das Rucksackgewicht schwanke zwischen 14 und 30 Kilo. Eine Etappe war immer gefürchtet, da hier die Wasserstellen weit auseinander lagen und man Anfangs ja noch fast die komplette Verpflegung dabei hatte. Weiche Dünenflanken mit 30 Kilo auf dem Rücken hochzuklettern sind wahrlich kein Spaß!

Diese Expeditionen waren körperlich also ziemlich hart aber dafür hatten wir das Gefühl von Freiheit und Abenteuer. Wir wanderten oft wie auf einem fremden Planeten durch menschenleere Landschaft und auch das Prinzip Reduktion galt es zu perfektionieren, denn man musste wirklich schauen, nur das Nötigste im Rucksack zu haben. Zum Wassersparen wurde die Reise nur in den kühlen Wintermonaten durchgeführt. Schwitzen kostet viel Flüssigkeit und musste möglichst vermieden werden.

So kam ich auf die Idee, Nachtetappen in die Reise einzubinden, denn ich wusste von den großen Karawanen in der Téneré-Wüste, dass sie in den Sommermonaten nur Nachts gingen, um der sengenden Hitze zu entkommen. Ich terminierte den Reisestart immer direkt nach Vollmond. Das hatte zwei Gründe: erstens steht der Mond nach der Vollmondphase in der Nacht hoch am Himmel und geht erst am Morgen, nachdem die Sonne bereits da ist, unter. Zweitens ist die Helligkeit des Erdtrabanten bis zum Halbmond ausreichend, um in Dünengebieten auch ohne Lampe gehen zu können. An Ausschlafen war nicht zu denken, denn die Gruppe lief meist gegen 4 Uhr in der Frühe los durch eine gespenstische und stille Dünenlandschaft. Die Navigation war nicht schwierig für mich. Jahrelang hatte ich ja schon alle Sternbilder des Wüstenhimmels auswendig gelernt und kannte die Geschichten der Nomaden, welches Sternbild in welchem Monat zum Ziel führt.

Diese Nachtetappen und viele Augenblicke werden mir unvergessen bleiben: das eine Mal, wo ein ganzer Schwarm Wüstenraben über uns hinweghuschte und uns ein prächtiger Schrecken in die Glieder fuhr, oder die Nacht, wo es fast jede Minute Sternschnuppen vom Himmel regnete, eine davon so hell, als ob man mit einer Leuchtkugel sekundenlang den Himmel erhellt. Und dann ist man aus der Dunkelheit in die Morgenröte hineingewandert, hat das erste zartorangene Licht des Tages tief im Osten erblickt. Nur eine Stunde später dann ist die Sonne aufgegangen und es dauerte nicht lange, bis sich die lähmende Hitze der Sahara über alles legte.

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