Hardangervidda Durchquerung im Winter

Reisebericht der Hardangervidda Durchquerung im Winter
Teil 1:

Fünfmal hatte ich die Hardangervidda Durchquerung im Winter bereits im Tourenbuch stehen und jedes Mal war das Wetter gelinde gesagt bescheiden. Nicht umsonst wird das baumlose Hochplateau Klein-Grönland genannt, denn in der kalten Jahreszeit ist man hier meist völlig allein in phantastischer und einsamer Eiswüste unterwegs. Die Polarforscher Nansen und Amundsen übten hier für ihre großen Polarexpeditionen und selbst der große Amundsen scheiterte an einer Hardangervidda Durchquerung im Winter, was ihm sein ganzes Leben nachhing.

Kommen wir zurück aufs Wetter: Die letzten Male bot die Vidda das ganze Repertoire: Sturm, Schnee, White-Out etc. Selten gab es mehr als einen sonnigen Tag während der gesamten Tour.

Bei der anstehenden Hardangervidda Durchquerung im Winter 2014/15 war ich gespannt, ob die Serie nun endlich einmal reißen würde. Der bisherige Winter in Skandinavien war ungewöhnlich. Einerseits extreme Wärmeeinbrüche in Monaten, wo es normalerweise dicke Minusgrade hat, gleichzeitig in den westlichen Regionen deutlich mehr Schnee als normal. Aber was ist schon normal in Zeiten des Klimawandels. Mitte März 2015 war die Durchquerung geplant und in den Wochen vorher beobachtete ich aufmerksam den norwegischen Wetterbericht. Und der sah nicht gut aus.  Das Problem war wieder einmal ein Wärmeeinbruch unmittelbar vor unserer Ankunft. Bis zu 7° Grad plus und etwas Regen… in Anbetracht unseres niedrig gelegenen Startortes Roldal am Südrand der Hardangervidda könnte die Tragfähigkeit der ersten Seen, die wir auf der Route queren mussten, ein Problem werden.

Anreise
Unsere kleine Gruppe traf sich am Flughafen Hamburg und gemeinsam ging es nach Oslo und am gleichen Abend dann weiter mit dem Nachtbus bis nach Roldal. Wir verbrachten den ersten Tag in Norwegen dann mit dem Packen der Ausrüstung, Einkauf von noch fehlendem Proviant und es gab ein letztes Briefing zur geplanten Strecke.

Tag 1
15. März 2015 – Es geht los!
Nach reichhaltigem Frühstück und dem Verstauen von Unmengen an Ausrüstung in unsere Pulkaschlitten, bringt uns ein Taxi-Shuttle zum Startpunkt unserer diesjährigen Hardangervidda Winterdurchquerung. Eigentlich sollte der Start direkt in Roldal sein aber hier unten im Tal auf 400 Metern liegt einfach zu wenig Schnee und an Skiwandern ist nicht zu denken. Der neue Startpunkt ist einige Kilometer weiter nördlich an der Staumauer des Valldalsvatnet. Der Weg führte uns zunächst hoch, an der Staumauer vorbei und hinunter auf den zugefrorenen See. Das Eis sei sicher, hatte ich noch durch eine Norwegerin am Telefon erfahren, die am Vortag selbst mit Ski hier auf Tour gewesen war. Die erste Etappe führt uns direkt nordwärts immer den See entlang, deutlich angenehmer als die Normalroute ab Haukeliseter, wo man direkt nach dem Start schon steile Anstiege mit vollbeladener Pulka überwinden muss.

Am Ende des Sees, nach 12 Kilometer sollte dann Schluss sein für den ersten Marschtag. Es ist zwar noch früh am Nachmittag aber gerade am Anfang dauert der Campaufbau halt deutlich länger, die Abläufe sind noch nicht eingeschliffen und es ist schön, dann alles in Ruhe machen zu können. Mein Plan, direkt auf dem See die Zelte zu errichten, damit sie schön eben stehen, geht nicht auf. Die Schneedecke auf dem Eis ist kaum zehn Zentimeter dick. Viel zu wenig, um die Zelte fest mit Schneehäringen verankern zu können und vor allem keine Chance, ein tiefes Loch in den Apsiden auszuheben, um angenehm in den Zelten sitzen und kochen zu können. Also nochmal etwas weiter ans Ufer und dort eine bessere Stelle gefunden. Das Wetter für den ersten Tag hätte übrigens kaum angenehmer sein können, Sonne satt, nur mäßiger Wind und Temperaturen im leichten Minusbereich.

Tag 2
16. März 2015 – Ein kurzer Wandertag
Die Sonne von gestern hat sich heute hinter dicken Wolken versteckt und es schneit hin und wieder leicht. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn die Sonne länger als einen Tag durchhält, denke ich mir! Heute geht es weiter in Richtung Norden und vor allem hoch. Wir werden vom Startpunkt auf 675 Meter in zwei Tagen bis auf 1200 Meter wandern, meist geht es stetig aber leicht bergan, nur die ersten zwei Kilometer am Morgen haben es in sich. Wir kommen ordentlich ins Schwitzen, denn der Aufstieg bis zur kleinen Middalsbu-Hütte hat es wirklich in sich! Die Hütte steht in einem Hochtal direkt an einem Fluss und da müssen wir aufpassen, denn dieser ist nicht zugefroren und meist nur durch lockere Schneewehen überdeckt. Hier einzubrechen und im kalten Wasser zu landen, wäre nicht optimal. Eine Schneemobilspur weist uns zum Glück eine sichere Passage über den Fluss.

Rahel, unsere Schweizerin, ist seit gestern ziemlich erkältet. Damit es nicht schlimmer wird, beschließe ich die Etappe nach nur 3h und 7,5 Kilometern für heute zu beenden. Wir haben genug Zeitpolster und umso tiefer wir in die Hardangervidda kommen, desto schwieriger wird es, wenn wir einen richtigen Krankheitsfall versorgen müssten. Also errichten wir die Zelte auf 930 Metern Höhe und genießen einen halben Ruhetag im warmen Schlafsack.

Tag 3
17. März 2015 – Immer hoch
Es geht weiter. Naja, nicht sofort, denn kurz bevor wir loswollen, bemerkt Wenke, dass sich ein Ski in seine Bestandteile auflösen möchte. Zum Glück ist es nicht die Skispitze, sondern das Ende und so wird die Latte einfach rustikal geklebt und mit Tape umwickelt, in der Hoffnung, dass es bis zum Ende der Tour halten möge! Dann geht´s aber wirklich weiter. Am Ende des Tages werden wir unsere Reisehöhe von 1.200 Metern erreicht haben. Eigentlich nicht viel Aufstieg, wenn man bedenkt, dass wir ja morgens bei 930 Metern gestartet sind. Unser Weg führt uns heute meist über langgezogene Seen und durch schmale Täler, oft auch über kleine Kuppen also steil hoch, wieder runter und so haben wir am Ende des Tages knapp 18 Kilometer geschafft aber real deutlich mehr Höhenmeter als auf der Karte gemacht. Zum Glück ist Rahel wieder etwas besser bei Gesundheit und wir haben sogar einige Kilometer eine perfekt präparierte Piste einer Schneeraupe nutzen können, die uns von der Litlos-Hütte entgegenkam. Zum Abend hin erreichen wir unseren heutigen Zielpunkt und können die Zelte fast bei Windstille aufbauen. Der Boden ist teilweise extrem überfroren. Das liegt wohl an den Wärmeeinbrüchen der letzten Wochen, wo es auf den Schnee geregnet hat und das dann überfror. Ich bin heilfroh, eine gute Schneesäge dabei zu haben. Nur mit den Schaufeln würden wir hier nicht weit kommen!

Tag 4
18. März 2015 – Von See zu See und das Wetter spielt mit
Großartig Höhe machen müssen wir nun nicht mehr. Wir sind fast im Zentrum des Hardangervidda Nationalparks. Keine Menschenseele weit und breit ist hier zu sehen, dabei haben wir Mitte März und einige Winterrouten sind bereits markiert. Aber heute gehen wir auch fernab markierter Strecken. Unser Weg führt uns ostwärts, von See zu See und ab dem Vormittag kommt sogar die Sonne heraus und beschert uns einen ziemlich warmen Wandertag. Das Tagesziel ist die kleine Hüttenansiedlung von Hansbu. Hier stehen einige Sommerhütten direkt oberhalb vom Seeufer, welche die Norweger für ihre Sommerfrische nutzen. Im Winter ist hier Niemand, außer zwei Schneehühnern, die aufgeregt über die weiße Fläche rennen. Sie sind so gut an die Umgebung angepasst, dass man später auf den Fotos kaum etwas erkennt. Die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz ist nicht ganz einfach. Bei Hansbu ist ein Fluss, der auch im Winter teilweise offen bleibt und da sollten wir Abstand halten, genau wie von merkwürdigen nassen Flecken auf dem See. Das sieht nicht vertrauenserweckend aus! Wir finden dann doch eine sichere Stelle, können die Zelte wieder einmal bei totaler Windstille aufbauen, was mir bislang in der Hardangervidda sehr selten vergönnt war! Da es so schön windstill ist, beschließen wir, heute mal nicht im Zelt, sondern draußen zu kochen und graben dafür eine Nische für die Kocher in den Schnee hinein. Am Abend zieht dann Nebel auf. Wir sehen nicht einmal mehr die Hütten, die kaum hundert Meter entfernt stehen.