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Norwegen: Expedition Amundsen

Roald Amundsen ist ein Nationalheld in Norwegen und wird fast wie ein Heiliger verehrt. Als Tribut an seine außerordentlichen Leistungen haben ein paar Verrückte das härteste Ski-Rennen der Welt ins Leben gerufen. Expedition Amundsen – kurz EXA – nennt sich die Veranstaltung und die Strecke folgt der alten Route durch die Hardangervidda, wo Amundsen im Winter 1896 bei einer Durchquerung beinahe sein Leben verlor…

Rund einhundert Kilometer müssen die Teilnehmer, allein oder im Team, zurücklegen und im besten Fall Nonstop – bis auf wenige obligatorische Ruhepausen – ins Ziel kommen. Es gibt keine Verpflegung oder Support von Außen und jeder zieht einen sogenannten Pulkaschlitten mit Ausrüstung und Proviant, der mindestens 40 Kilo wiegen muss.

   Norwegen: Expedition Amundsen
   Strecke: Hardangervidda Süd-Nord Durchquerung
   Zeit: Februar 2016
   Reiseart: „Das härteste Skirennen der Welt“ im Expeditionsstil mit Pulka und Zelt durch die Hardangervidda
   Team: Jerome Blösser + Lukas Rinner

Hier mein kleiner Bericht über den EXA2016:

Haukeliseter, am Südrand der Hardangervidda. Gemeinsam mit meinem Teampartner Lukas Rinner stehe ich am Start der diesjährigen Ausgabe der Expedition Amundsen. Mit uns rund 250 andere Wagemutige und zu 98 Prozent besteht das Teilnehmerfeld natürlich aus Norwegern. Mit Vorfreude warten wir auf den Startschuss, sind aber gleichwohl aufgeregt, wie wir das härteste Ski-Rennen der Welt überstehen werden. Im Ziel anzukommen, sollte außer Frage stehen, haben wir doch genug Erfahrung und gute Fitness. Aber die Hardangervidda hat schon so manchem seine Zähne gezeigt. Einige Jahre zuvor kam fast das komplette Teilnehmerfeld in einen heftigen Wintersturm und musste mehrere Tage in Zelten ausharren und schlussendlich wurde das Rennen abgebrochen. Das erklärt auch, warum der Ausrüstungscheck durch die Organisation am Vortag so gründlich ablief. Sogar die Anzahl der versiegelten Notrationen wurde genau gezählt.

Startschuss! Um das Teilnehmerfeld auseinanderzuziehen, hat sich der Veranstalter gemeinerweise gleich nach der Startlinie einen fiesen, endlosen Anstieg ausgesucht. Jeder versucht, einen möglichst guten Weg nach oben zu finden, Direkt geht gar nichts, viel zu steil, also im Zickzack die schweren Pulkaschlitten nach oben zerren. Viele rutschen weg und landen im Schnee. Lukas findet einen deutlich besseren Weg als ich, so dass er oben lange auf mich warten muss. Als ich endlich den Berg erreiche, ist das Bild deprimierend: Wir befinden uns fast am Ende des Teilnehmerfelds. Das geht ja gut los! Aber in der Ruhe liegt die Kraft, es warten ja noch knapp einhundert Kilometer bis zum Ziel und da kann viel passieren. Nach dem Gipfel eine lange und temporeiche Abfahrt. Mit dem Schlitten im Rücken kein großer Spaß. Lukas saust irgendwann mit mächtig Tempo links an mir vorbei – um nur wenige Meter vor mir mit einer sich wild überschlagenden Pulka zu kämpfen. Das sieht fast aus wie beim Rodeo und er schafft es gerade noch, auf den Skiern zu bleiben. Zum Glück meistern wir dieses Stück ohne Sturz und nun heißt es, erst einmal sein eigenes Tempo zu finden und nicht den Fehler zu machen, sich von anderen mitreißen zu lassen. Das Wichtigste ist ja, seine Kraft so einzuteilen, dass nicht irgendwann der Mann mit dem Hammer zuschlägt.  Gleichmäßig gleiten wir mit unserem Skiern durch die weite und zunächst noch profilierte Landschaft. Wind kommt auf, der mit jeder Minute stärker und unangenehmer in unsere Gesichter bläst. Die niedrig stehende Sonne verschwindet schon bald am Südwesthorizont und es dauert nicht lange, da ist finstere Nacht. Wir holen unsere megahellen Stirnlampen aus den Pulkas und machen die Nacht zumindest auf den Metern vor uns wieder zum Tag.   Fortsetzung unten

   Fotogalerie (alle Bilder © Lukas Rinner):

 

Fortsetzung  Gegen 21 Uhr erreichen wir den ersten Checkpoint. Wie bei allen vier Checkpoints, müssen wir auch hier unseren Startpass abstempeln und die exakte Uhrzeit eintragen lassen. Bis zum Ziel sind acht Stunden Zwangsstopp Pflicht. Wie wir die aufteilen, obliegt uns. Nur am vorletzten Checkpoint muss jeder Teilnehmer mindestens vier Stunden bleiben. Da immer nur volle 60 Minuten zählen, ist gutes Timing angesagt! Einige Zelte stehen hier bereits um den Checkpunkt herum, man hört das Fauchen der Benzinkocher, doch wir wollen schnell weiter. So sitzen wir in Daunenjacken auf den Pulkas, essen schnell eine TreknEat Spezialmahlzeit, stempeln genau eine Stunde nach unserer Ankunft aus und verschwinden wieder im Dunkeln der noch mondlosen Nacht.

Der zweite Checkpoint ist 20 Kilometer entfernt. Wir hoffen, irgendwann in der Nacht dort anzukommen. Das Feld hat sich nun schon weit auseinandergezogen und wir gehen teilweise einsam durch das Hochfjell. Tagsüber muss das hier phantastisch ausschauen aber wir davon sehen wir nichts in der Dunkelheit. Auch müssen wir uns konzentrieren, die richtige Strecke zu finden und nicht zu stürzen. Einmal, als wir über eine hohe Bergkuppe gehen, entdecken wir vor uns in der Ferne die winzigen Lichter anderer Teilnehmer – ein ziemlich weiter Weg liegt noch vor uns! In der Nacht erreichen wir dann die zweite Kontrollstelle. Wir wollen versuchen, drei Stunden hier zu bleiben und auch ein wenig Schlaf zu finden. Die Isomatten werden ins Zelt geworfen, Schlafsack drauf und ich schlafe sofort ein. Nach anderthalb Stunden geht es wieder raus, Zelt abbauen, alles in die Schlitten verpacken und möglichst genau nach drei Stunden wieder auf den Skiern stehen. Jetzt kommen die harten Stunden, wo der Körper normalerweise nach einem warmen Bett und nicht nach Skiwandern durch eiskalte Nacht verlangt.

Irgendwann färbt sich der Osthimmel rötlich und der neue Tag ist im Anmarsch. Wir kommen gut vorwärts und freuen uns, dass wir nun leichter den Weg finden und mehr von der sensationellen Landschaft mitbekommen. Am Vormittag kommt dann sogar etwas die Sonne heraus und wir erreichen den nächsten Checkpoint um 10 Uhr. Hier müssen wir also vier Stunden Zwangspause einlegen. Wie sehr freue ich mich auf den Schlafsack! Unsere Thermoskannen sind mittlerweile alle leer, also müssen wir Schnee schmelzen, um Wasser für Tee und unsere Trockennahrung zu bekommen. Das dauert seine Zeit und Lukas übernimmt den Job als „Koch“ wofür ich ihm ziemlich dankbar bin…

Genau nach vier Stunden sind wir bereit zur Weiterreise. Bis zum Ziel sind es jetzt „nur“ noch 30 Kilometer. Bei teilweise strahlendem Sonnenschein geht es über weite Hochflächen und irgendwann, zum Abend hin, wird es immer zäher. Wir spulen Kilometer um Kilometer herunter, das Ziel will aber nicht näher kommen. Schon bald ist es wieder Nacht. Wir sehen kaum noch andere Teilnehmer auf der Strecke. Sind wir so langsam oder vielleicht doch so schnell, dass keiner mehr in unsere Nähe ist?

Vorbei am letzten Sicherheitscheckpoint und dann wartet noch eine letzte steile und lange Abfahrt auf uns. In tiefschwarzer Nacht und mit der Pulka im Schlepptau nicht wirklich grandios aber es hilft ja nichts, irgendwie müssen wir hinunter ins Tal zum Ziel nach Maurset kommen. Dann die letzten Kilometer. Wir kommen auf eine richtige Loipe und nun geht es zum Schlussspurt bis zum kleinen Skiort Maurset. Dort erreichen wir gegen 21 Uhr nach 31,5 Stunden endlich das Ziel! Wir dürfen auf der Wall of Heroes gemeinsam eine norwegische Fahne in den Schnee stecken und erfahren, dass wir das beste ausländische Team geworden sind.

Ein grandioses Abenteuer liegt hinter uns, mental und körperlich absolut herausfordernd und sicher ein Erlebnis, das wir nicht vergessen werden.

Solo zum Südpol – Johanna Davidsson

Die berühmten Polarforscher  Amundsen und Nansen nutzten die norwegische Stadt Tromsø als Ausgangspunkt für ihre Abenteuerreisen. Von hier segelten sie los, um die Pole zu entdecken. Gut einhundert Jahre später bereitet sich Johanna Davidsson in der gleichen Stadt auf ein großes Abenteuer vor: Sie will als erste Schwedin Solo zum Südpol gehen. Im Interview erzählt sie über Wintertouren, die Liebe zur Natur und das Projekt Südpol.

Hallo Johanna, im November 2016  willst du als erste schwedische Frau solo zum Südpol gehen. Wie bist du eigentlich auf Polar-Abenteuer gekommen?



Nachdem ich meine erste Saison in den Alpen verbracht habe, als ich 20 Jahre alt war, wurde mir klar, dass ich Winter, Schnee und Skifahren liebe. Auch die nördlichen Regionen unserer Erde hatten es mir angetan. Ich mag einfach Abenteuer, egal ob lange oder kürzere Reisen. Wenn man einfach losgeht von einem Ort zum anderen und nicht genau weiß, wie es laufen wird. Also ist es eine Kombination dieser Dinge, die mich zu polaren Abenteuerreisen gebracht hat.

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Libyen: Durchquerung Erg Murzuk

Im Südwesten von Libyen liegt das große Sandmeer des Erg (oder Edeyen) Murzuk. Dieses Sandmeer von ungefähr 300 Kilometern Durchmesser galt lange als der heißeste Ort der Erde. Es gibt keine Wasserstelle und kaum ein Tier wagt sich in diese Terra Incognita aus bis zu 300 Meter hohen Dünen hinein. Selbst die großen Handelskarawanen machten einst einen Bogen um den Murzuk. Bis 2010 hatten überhaupt nur drei Expeditionen den Murzuk zu Fuß durchquert.

   Libyen: Durchquerung Erg Murzuk
   Strecke: Murzuk – Col Anai
   Zeit: Januar 2010
   Reiseart: Expedition mit 24 Lastkamelen
   Team:  Jerome Blösser + Roelant Meijer, 5 Tuareg, 12 Teilnehmer

Einige Jahre zuvor kam ich das erste Mal an den Rand dieses endlos erscheinenden Sandmeeres, wo man Dünengipfel aneinander gereit bis zum Horizont sieht und die Projektidee war geboren. Die intensive Vorbereitung dauerte dann fast 12 Monate und im Januar 2010, dem kühlsten Saharamonat, starteten wir im Nordosten des Murzuk mit 24 Kamelen, 5 einheimischen Begleitern, 12 ausgesuchten Teammitgliedern sowie der Niederländer Roelant Meijer und ich als Teamleiter.     Fortsetzung unten

   Fotogalerie:

 

Fortsetzung    Da unsere geplanten Route noch nicht zuvor begangen wurde, wusste Niemand, was uns erwarten würde. Wir hatten Unmengen auf die Kamele geladen, um knapp drei Wochen völlig autark unterwegs sein zu können. Gepäck, Essen, 1.750 Liter Wasser und sogar 4 Kamele trugen ihr eigenes Futter, da im Murzuk nicht mit ausreichend Tierfutter zu rechnen war. Da es in Libyen keine geeigneten Lasttiere gab, wurden die ausgesuchten Dromedare von weither aus Algerien herangebracht und hatten vor unserem Start schon eine mehrwöchige Anreise hinter sich.

Die ersten zwei Tage ging es noch leicht, da die immensen Dünenfelder weit auseinander standen und wir immer eine gute Passage zwischendurch finden konnten. So schafften wir mehr als 30 km Tagesleistung. Das damit aber schnell Schluss sein würde, war klar, denn schon bald rückten die fast unüberwindlich erscheinenden Dünenberge enger zusammen und die Stunde der Wahrheit kam näher: Schaffen es die schwerbeladenen Tiere überhaupt über die weichsandigen Dünengipfel? Roelant und ich gingen jeden Morgen eine Stunde vor der Karawane los und suchten eine mögliche Passage für die Tiere. Gefolgt von einer ersten Nachhut von 3-4 Wanderern, die mit Schaufeln diagonale Trampelpfade in die steilen Sandflanken graben oder auch einmal einen Meter vom spitzen Dünengrat wegschaufeln mussten, damit die Tiere nicht mit den Beinen bis zum Bauch im Sand steckenbleiben.

Anfangs hatten die Kamele große Probleme, sie hatten schlichtweg Angst und waren in der ersten Zeit natürlich extrem schwer beladen. Doch mit jedem Tag lief es besser, Mensch und Tier spielten sich aufeinander ein. Wenn 1.750 Liter für knapp 20 Menschen und ganze drei Wochen ausreichen müssen (Die Kamele würden die ganze Zeit nichts trinken) – bedeutete dass, das jede/r nur rund 4,5 Liter pro Tag bekommen darf. Dass dabei eine regelmäßige Dusche komplett entfallen muss, war allen klar! Auch normales Kochen mit verbundenem Abwasch konnten wir uns nicht erlauben. Zum Essen gab es gefriergetrocknete Spezialnahrung von Trek n´Eat und die Teller wurden mit Sand statt Wasser gereinigt. Da die Temperaturen im Januar tagsüber bei maximal 25 Grad und in der Nacht oft um den Gefrierpunkt herum lagen, kamen wir mit der rationierten Menge aber sehr gut aus.

Um so tiefer wir in den Erg Murzuk hineinstießen, desto einsamer wurde es. Oft fühlten wir uns wie auf einem fremden Planeten aus Sand. Und doch gab es direkt im Zentrum dann plötzlich Lebenszeichen, Zeichen aus einer längst verschwundenen Epoche: Wir fanden unzählige Steinwerkzeuge, Straußeneierschalen und andere Artefakte, die schon vor 90.000 Jahren bis in die Jungsteinzeit hinein von Menschen hier benutzt worden sind. Damals sah der Erg Murzuk natürlich noch anders aus, die Sahara ist ja erst wenige tausend Jahre alt.

Wir kamen sehr gut vorwärts und obwohl wir manchmal auch nur 10 Kilometer in 8 Wanderstunden über Berge aus Sand zurücklegen konnten, erreichten wir schon nach 15 Tagen das südwestliche Ende des Sandmeers. Auf uns wartete ein Festessen, natürlich eine wohlverdiente Dusche und auch die Kamele waren ganz wild auf frisches, sattgrünes Futter, bevor sie nochmal einige hundert Kilometer Heimreise nach Algerien antreten würden.

Ich war unglaublich stolz, dass wir es geschafft hatten, ein Lebenstraum hatte sich erfüllt! Der Schlüssel zum Erfolg war das perfekte Zusammenspiel aller Expeditionsteilnehmer. Wunderbare Tuaregnomaden, die uns anleiteten beim Beladen der Tiere und vor allem mir und Roelant großes Vertrauen gaben, da wir die Route festlegen durften und somit über Leben und Tod entscheiden. Ein großartiges Team hatte sich gefunden, was immer engagiert und manchmal auch bis an die Grenzen für den großen Erfolg arbeitete. Und natürlich die Kamele, ohne die eine Durchquerung des Murzuk zu Fuß nie machbar gewesen wäre.

Reisetagebuch Grönland Durchquerung 2008

von Martin Hülle und Jerome Blösser

02./03. Juni 2008 – Zurück im warmen Deutschland:

Mit etwas Verspätung startet am Montag Vormittag der Flug von Kangerlussuaq nach Kopenhagen. Durch die Fenster des Air Greenland Airbus A330 können wir noch einmal auf die Spalten, Eisseen und Buckel schauen, welche uns am Ende der Expedition alle Kraft abverlangt hatten. Selbst von weit oben ist das Chaos auszumachen – nirgendwo eine glatte Passage. In wenigen Minuten sind wir über die Abstiegszone, die uns 22 Stunden Anstrengung gekostet hat, hinweg geflogen. Eine neue Welt hat uns endgültig wieder erreicht! Durch die vierstündige Zeitverschiebung landen wir erst am Abend in Kopenhagen, von wo wir mit einem Nachtbus nach Berlin fahren. Dort trennen sich nach den vielen Wochen, die wir im Eis gemeinsam unterwegs waren, unsere Wege: Reisetagebuch Grönland Durchquerung 2008 weiterlesen