Geheimnisvolle Fundstücke in der Wüste Lut

Wie wir auf Überreste einer alten Karawane stießen

Tief im Süden des Iran liegt die menschenleere Wüste Dasht-e Lut. Im Osten herrschen bis zu 600 Meter hohe Dünen vor, im Westen hingegen ausgedehnte Yardangs. Yardangs sind durch Erosion entstandene Kalksteinformationen, deren Bergrücken hier im Iran als Kalut bezeichnet werden.

Am Nachmittag erreichen wir unseren Lagerplatz am Rand eines weiten Tals zwischen den Kalutfelsen. Mehrdad erzählt mir, dass er mit seinem Bruder wenige Monate zuvor eine geheimnisvolle Fundstelle mit Überresten einer alten Karawane entdeckt habe. Damals war keine Zeit, sich das genauer anzuschauen, aber sie hatten die Position notiert. Da die Stelle nur wenige Kilometer westlich von hier liegt, wäre jetzt eine gute Gelegenheit, dorthin zu gehen. Mehrdad hat lange überlegt, ob er diese Fundstelle überhaupt anderen Menschen zeigen oder es ein Geheimnis bleiben soll. Das ganze Team möchte er keinesfalls mitnehmen, irgendwie hat es etwas Privates und zu viele Menschen gehören nicht an diesen Ort, wo man erst einmal herausfinden muss, was eigentlich passiert ist. Dass Mehrdad jetzt Marcus und mich auswählt, ihn begleiten zu dürfen, ist deshalb eine große Ehre für uns. In zehn Minuten müssten wir losziehen, denn die Sonne steht bereits tief am Horizont, es heißt deshalb, keine Zeit zu verlieren! In großer Eile packen wir zusammen, was wir meinen, für die Exkursion zu brauchen. Zum Glück denken wir an die Stirnlampen und ich nehme zur Sicherheit mein GPS mit – später werden wir dankbar dafür sein.

Wir verlassen die Ebene über einen engen Einschnitt hinauf zu einem Kalut und finden uns in einem kleinen Hochtal inmitten der Kalksteinfelsen wieder. Der Untergrund ist wie mit einer Walze topfeben planiert und der Boden so fest, dass wir nur an wenigen Stellen Spuren hinterlassen. Mehrdad und Babak legen ein irrsinniges Tempo vor. Ich denke daran, wie wir später wohl den Weg zurückfinden wollen und schalte heimlich mein GPS an, um hin und wieder Zwischenpositionen zu nehmen. Ich mache es versteckt, da ich nicht sicher bin, ob Mehrdad überhaupt möchte, dass ich ein GPS dabei habe. Vielleicht will er die Position vom Ort, zu dem wir gehen, auch in Zukunft für sich behalten. Unsere Marschrichtung ist grob westwärts und das bedeutet, dass wir einige Kaluts überwinden müssen. Es geht durch eine außergewöhnlich pittoreske Landschaft aus Felsformationen und Tälern mit kleinen Sanddünen und Tonerde. Hier könnte ich stundenlang fotografieren, aber dazu ist leider keine Zeit. Unser Weg geht selten direkt, sondern meist im Zickzack, da weite Teile der Kaluts zu steile Wände haben und wir immer erst eine mögliche Passage finden müssen, um aus dem Tal auf einen Kalut und danach wieder hinunter ins nächste Tal zu gelangen.

Nach einer guten Stunde nähern wir uns dem Ziel. Die Fundstelle liegt am Rand eines breiten Tals, das sich, wie alle hier, in Nord-Süd-Richtung erstreckt und bis zu 40 Kilometer lang sein kann. Die Brüder gehen hinunter. Marcus und ich bleiben noch auf dem letzten Hügel mit Blick in die Ebene und fotografieren die Szene. Da, wo Mehrdad und Babak stehen, sehen wir vereinzelt Gegenstände aus dem Sand ragen. Die Neugierde ist groß und daher sind auch wir wenig später unten angekommen. Die dunklen Flecken stellen sich jetzt, bei näherer Betrachtung, als Kamelsättel heraus. Fünf davon können wir hier zählen, Die gesamte Fundstelle erstreckt sich über schätzungsweise 20 Quadratmeter und das Meiste liegt unter dem Sand verborgen.

Mehrdad und Babak fangen an zu graben und holen, Stück für Stück, Gegenstände eines längst vergessenen Karawanenalltags ans Licht: Ein Gefäß, wohl zum Verbrennen von Weihrauch oder Kräutern, und Stoffsäcke, die immer noch gefüllt sind mit getrockneten Pflanzen. Sie entdecken große Transportsäcke mit schwarzen runden Kugeln. Zuerst denke ich, es sei Kamelkot, aber dann finden wir heraus, dass es völlig verrottete Mandeln sind. Mehrdad zieht Kleidungsstücke aus dem Sand. Ein zerfledderter Ledermantel, Hausschuhe und Tücher. Dann finden wir einen winzigen Fetzen Papier, der arabisch beschriftet ist. Es sind Auszüge einer Koransure, wie wir noch herausfinden werden. Babak entdeckt ein kleines Tonfläschchen. Es ist mit grünlichem Pulver gefüllt. Normaler Sand ist das nicht. Marcus nimmt etwas auf die Fingerspitze und berührt damit die Zunge… es schmeckt bitter. Später wird seine Zunge etwas betäubt sein. Ob das so schlau war, hier weit entfernt von der Zivilisation und ärztlicher Hilfe, das unbekannte Pulver zu probieren? Vielleicht ist es ein starkes Gift! Wir holen unzählige weitere Fundstücke aus dem Sand: Seile, Haken mit denen Sättel an Kamelen befestigt wurden… Kein Plastik oder zum Beispiel eine verrostete Metalldose sind darunter und alles sieht handgemacht aus. Mehrdad schätzt das Alter der Sachen auf mindestens einhundert Jahre.

Die große Frage ist, warum sich hier eine Karawane inmitten der Kaluts verirrt hat. Die Strecke war ganz sicher keine übliche Handelsroute. Wenn man hier durchzieht, findet man über 150 Kilometer weit nichts außer einem menschenfeindlichen Tal in der Wüste, das links und rechts von hohen Yardangs eingeschlossen ist. Es gibt nirgendwo Wasser und kein Futter für die Tiere… Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass sich die Kameltreiber verlaufen hatten – oder Schmuggler waren und unentdeckt reisen wollten. Aber wir finden keine Knochen. Nicht von Kamelen und nicht von Menschen. Vielleicht waren sie in so großer Not, dass sie zunächst Ballast abwerfen mussten und dann nur mit dem Nötigsten versuchten, aus dem Labyrinth der unendlichen Kalutformationen lebendig herauszukommen. Wir sammeln einige Dinge zusammen, die Mehrdad zur Untersuchung nach Teheran bringen wird. Den Rest vergraben wir wieder.

Die Sonne ist längst untergegangen. Den Weg zurück werden wir wohl oder übel im Dunkeln finden müssen – und das ist hier nicht einfach. Wir haben nur zwei Lampen dabei, die wir verteilen. Babak geht mit einer vorneweg und der Letzte bekommt die zweite, um so den anderen von hinten etwas Licht zu geben. Die Nacht ist mondlos und in den Kalut ist es so gespenstisch wie finster. Mehrmals verlieren wir unsere Spuren, und jetzt bin ich – und auch Mehrdad – dankbar, das GPS dabei zu haben und so den alten Track suchen zu können. Einmal klettern wir an einer falschen Passage, wo es steil ist und loser Kalkstein gefährlich ins Tal fällt, auf einen Kalut. Jetzt bloß nicht ausrutschen! Wenn wir das Camp nicht finden, werden wir die Nacht wohl irgendwo hier im Irrgarten aus Stein und Sand verbringen müssen. Ein ungemütlicher Gedanke! Hin und wieder kreuzen wir unsere Fußspuren vom Hinweg, was dann ein ziemlich beruhigender Moment ist. Nach einer gefühlten Ewigkeit dann der Schein vom Lagerfeuer im Camp. Nun wissen wir: Es ist geschafft!

Der obige Text ist ein Auszug aus Jerome Blössers neuem Reisebildband Freiheit unterm Wüstenhimmel, der hier online bestellbar ist