Island – Durchquerung der Missetäterwüste Ódáðahraun

Durchs Land der Geächteten

Nirgendwo auf unserem Planeten kann man die Entstehung der Erde so unmittelbar nachvollziehen wie auf Island. Die Insel aus Feuer und Eis hat rund dreißig aktive Vulkane, die noch immer Urzeitliches aus dem Erdinneren an die Oberfläche spucken. Bizarre Landschaften, wie aus einem Herr der Ringe – Film, liefern reichlich Stoff für mystische Sagen von Helden, Trollen und Gesetzlosen.

Im Norden von Island liegt eine besonders einsame und völlig weglose Lavawüste, die Ódáðahraun. Diese fremdartige und lebensfeindliche Mondlandschaft einmal zu Fuß zu durchmessen, war mein Traum, und mit unglaublichem Wetterglück wurde dieser im Jahr 2017 Realität.

Die Ódáðahraun ist lebensfeindlich, menschenleer, weglos und es gibt – außer vielleicht in Form von wenigen Restschneeflecken an den Nordflanken der großen Vulkane – keine Versorgungsmöglichkeit mit Wasser. Ich muss zugeben, dass selbst ich als äußerst erfahrener Wüstengeher eine gewisse Anspannung verspüre… Trotz intensiver Planung bleiben immer offene Fragen und ein gewisses Restrisiko. Findet sich immer ein gangbarer Weg durch das teilweise chaotische Labyrinth aus Vulkangestein? Was, wenn wir irgendwo in einen Hohlraum unter der Lava einbrechen sollten? Das war mir einmal vor Jahren in der Sprengisandur Hochlandwüste Islands widerfahren und kann böse enden. Der Weg beginnt direkt am kleinen Fluss Lindaa, welcher in der Nähe aus dem Lavagestein entspringt und nur wenige Kilometer weiter schon wieder in den gewaltigen Getscherfluss Jökulsá á Fjöllum mündet. Unsere Augen erfreuen sich an der prächtig grünen Oase aus Moos und Gräsern in dieser sonst trostlosen dunklen Lavakulisse. Mein Wanderfreund Roelant und ich kommen gut voran. Ich blicke zurück in die Ebene und sehe klein in der Ferne das rote Dach der Hütte. Dort führt auch die Piste entlang, die die meisten Touristen noch heute Abend wieder in die Zivilisation führt. Zu einer warmen Dusche, kaltem Bier und allen Annehmlichkeiten unserer modernen Welt. Aber ich möchte keine Sekunde tauschen. Trotz schmerzender Schultern vom schweren Rucksack und den lästigen Hochlandmücken, die uns das letzte Geleit hinaus in die Wüste geben. Die Freiheit, die ich mir er-laufe, erfährt niemand, der die Komfortzone nicht verlassen will. Alles geht eben nicht und das ist gut.

Gemessen an Fjalla Eivindur ist das, was wir hier machen aber immer noch pure Komfortzone. Die Ódáðahraun ist bei uns als Missetäterwüste bekannt. (Genau übersetzt heißt es jedoch Missetäterlava, da das Wort Hraun auf isländisch Lava bedeutet). Der Name entstand in einer Zeit, wo Missetäter, also Verbrecher, geächtet waren und sich hier im unwirtlichen Hochland verstecken mussten, da sie in der Zivilisation als vogelfrei galten. Fjalla Eivindur ist der berühmteste „Outlaw“ und eine Legende in Island. Es passiert selten, dass ein Räuber fast den Status eines Nationalhelden erhält, aber wenn nur etwas von der Heldengeschichte war ist, wie er es gemeinsam mit seiner Frau Halla schaffte, mehr als 20 Jahre im rauen Hochland zu überleben, dann hat er diesen Status als echter Wikinger-Nachfahre wirklich verdient.

Wenige hundert Meter von der Berghütte entfernt liegt der Unterschlupf Eyvindurs, wo er sich in einem der härtesten Winter des 18. Jahrhunderts im Hochland versteckte. Er ernährte sich nur vom rohen Fleisch eines Pferdes sowie von Engelwurz, das in der kleinen Oase heute noch wächst. Sein Versteck in der kleinen Felsenhöhle hatte sogar den Vorteil, dass eine kleine Quelle darin entspringt. So gab es – im Winter lebenswichtig – immer fließendes Wasser.

Nachdem wir die grobe Blocklava endlich hinter uns gelassen haben, nähern wir uns dem Fuß des majestätischen Tafelberges. Der Untergrund ist nun etwas leichter zu gehen, nur müssen wir hin und wieder kleinere Schmelzwasserbäche, die ins Tal laufen, zumeist darüber hüpfend überwinden. Urplötzlich ändern sich die Farben der Landschaft vom reinen Schwarz hin zu Ockertönen, und sogar einen orangefarbenen Felsbrocken mit kleinen dunklen Einschlüssen können wir entdecken. Oft halten wir an zum Fotografieren, denn dramatische Wolkengebilde am Himmel unterstreichen diese außergewöhnliche Szenerie.

Der Weg führt uns weiter am Fuß des Herðubreið entlang, bevor wir den Berg an der Westflanke im Rücken lassen und über wellige, aber einfach zu gehende Lava, zu unserem Tagesziel gelangen. Es ist eine kleine Wanderhütte im absoluten Niemandsland. Von hier führt ein markierter Pfad nach Süden zur Askja. Unsere Route wird ab hier jedoch nord-westwärts durchs unbekannte Gebiet der Missetäterlava gehen.

Ich habe viele Wüsten gesehen, aber selten fühlte ich mich so fern von unserer Welt wie hier in der Ódáðahraun. Wäre die Sonne nicht am Firmament und vielleicht das Wenige an spärlicher Vegetation am Boden, könnte diese Szene auch auf einem fremden Planeten spielen. Nicht ohne Grund haben die Amerikaner in den späten 1960er Jahren ihre Mondlandungen hier im Norden Islands trainiert. Wir haben den Eindruck, dass viele Schritte, die wir hier auf die um die 7.000 Jahre alte Lava setzen, die ersten sind, und noch kein Mensch zuvor seine Abdrücke an gleicher Stelle hinterlassen hat. Seit dem Losgehen haben wir kein Lebewesen gesehen, und nur am gestrigen Nachmittag querten wir einmal eine Menschenspur. Ungläubig blieben wir stehen und schauten nach unten, als hätten wir gerade die berühmten Fußspuren vom Yeti entdeckt. Dabei waren es nur die alten Stiefelabdrücke eines einsamen Wanderers, der von Westen kommend in gerader Linie ostwärts durch die Wüste gegangen sein muss….

Der obige Text ist ein kleiner Auszug vom Island-Kapitel in meinem Abenteuer-Reisebildband Freiheit unterm Wüstenhimmel.

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