Simon Michalowicz – Norge på langs 3000 KM zum Nordkap

Norge på langs – einmal durch ganz Norwegen zu wandern, ist der Traum vieler Skandinavienfans. Simon Michalowicz hat ihn wahrgemacht und war einige Monate allein bis zum Nordkap unterwegs. Im Interview erzählt er über seine außergewöhnliche Trekkingtour.

Simon, Du hast ein sehr schönes und authentisches Buch geschrieben „Norwegen der Länge nach“ – ein Reisebericht über eine Durchquerung Norwegens von der Südspitze bis zum Nordkap. Wenn man mit Norwegern spricht, die Trekking und Outdoor mögen (was ziemlich viele sind), dann erzählen sie irgendwann von Norge på langs, also einmal im Leben das ganze Land zu durchwandern. Das ist der Traum vieler Norweger und wer es tatsächlich macht und dann noch schafft, dem ist Respekt sicher.

In Norwegen ist das Thema also ziemlich bekannt aber nicht außerhalb der Landesgrenzen. Wie kamst Du auf die Idee vom Südzipfel bis zum Nordkap wandern zu wollen?

Mein Kumpel Ulrich hat mir irgendwann davon erzählt. Er selbst läuft vom Ruhrgebiet in Etappen bis zum Nordkap, also quasi die verlängerte Variante dieser Tour. Als er mir davon berichtete war ich sofort Feuer und Flamme und habe direkt angefangen, mich mit dieser Tour zu beschäftigen und mehr darüber herauszufinden.

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Es gibt ein Sprichwort: „Wenn Du schnell gehen willst, geh allein, wenn Du weit gehen willst, geh mit anderen“. 3000 Kilometer kann man als ziemlich weit bezeichnen. Trotzdem bist Du allein gegangen. War es eine bewusste Entscheidung oder Schicksal?

Na ja, ich hab schon darüber nachgedacht, jemanden zu fragen, ob er mit mir kommt, aber letztendlich war es schon eine bewusste Entscheidung. Man trägt dann zwar die ganze Verantwortung für alle Entscheidungen selbst, muss aber auch mit niemandem unterwegs diskutieren oder versuchen einen Kompromiss zu finden. Brauche ich zum Beispiel einen Ruhetag, nehme ich mir diesen einfach und muss keine Rücksicht auf einen Partner nehmen, der vielleicht keine Pause braucht und lieber weiter gehen möchte.

Die Startetappe beschreibst du sehr eindrücklich als mentale Achterbahnfahrt. Hattest Du den Respekt vor dem großen Abenteuer und den psychischen Druck einfach unterschätzt?

Unterschätzt würde ich nicht sagen, aber es ist schon etwas anderes vor der Tour darüber nachzudenken und es dann tatsächlich zu erleben. Ich glaube, darauf kann man sich auch nur bedingt vorbereiten. Einerseits ist es einfach traumhaft, eine solche Wanderung anzugehen, andererseits besteht der Alltag unterwegs oft auch einfach aus Arbeit und nochmals Arbeit. Wenn man jeden Tag aufs Neue startet, ist das irgendwann schon vergleichbar mit einem Job. Doch trotz aller Strapazen ist und bleibt es dann die schönste Arbeit der Welt!

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Am Anfang einer Tour ist ja noch vieles Neu aber irgendwann kommt man in den Rhythmus. Wann hat sich bei Dir der „Flow“ eingestellt?

Das hat ziemlich lange gedauert, in meinem Fall beinahe zwei Monate. Erst als ich es geschafft habe, die Tour nicht nur als große Herausforderung zu sehen, sondern angefangen habe, jeden Tag einfach zu genießen, kam irgendwann auch der Flow hinzu. Als sich dann irgendwann abzeichnete, dass ich es tatsächlich schaffen könnte, fühlte ich mich erst richtig angekommen auf der Tour, ein klasse Gefühl.

Norweger gelten ja als ziemlich entspannt und hilfsbereit. Beschreibe mal einige der Begegnungen.

Weit im Süden hat mir einmal ein Autofahrer mitten auf der Straße einfach ein Bier aus den Auto heraus gereicht oder weiter im Norden, auf einem Hof, weitab vom Schuss, bekam ich am Abend von den Hausherren einfach so eine große Tüte Chips und Cola geschenkt. Die Norweger haben echt was über für die Verrückten, die Norge på langs laufen. Ich glaube viel Norweger würde es gerne einfach selbst einmal versuchen. Nicht umsonst ist eine der beliebtesten Fernsehsendung eine Outdoor-Spielshow, in der die Kandidaten auf dem Weg vom Kap Lindesnes bi hinauf zum Nordkap verschiedenste Herausforderungen meistern müssen, um als Sieger hervor zu gehen.

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Sind die Leute im Norden noch entspannter als im Süden?

Auf jeden Fall! Es gibt das norwegische Sprichwort „det ordner seg“ was in etwa so viel heißt wie das wird schon werden. Und das stimmt auch, es gibt für jedes Problem eine Lösung. Und wenn nicht sofort, dann eben bald. Gerade im Norden haben die Leute einfach Zeit, fast niemand ist in Eile und jeder nimmt sich gerne ein paar Minuten zum Quatschen oder für einen gemeinsamen Kaffee. Aber der Norweger neigt allgemein zu großer Gelassenheit, was manchmal so manchen Südeuropäer locker in den Schatten stellt.

Was war dein schönstes Erlebnis in den 140 Tagen des unterwegs seins?

Ganz sicher die Erkenntnis, dass ich es wirklich zu Fuß zum Nordkap schaffen kann. Und natürlich die zahlreichen Momente voller Schönheit, wie zum Beispiel als ich das erste Mal in meinem Leben Polarlichter gesehen habe oder der unfassbare Sternenhimmel, in den man stundenlang völlig fasziniert starren kann, wenn man weitab von jeglichen Ortschaften hoch im Norden unterwegs ist.

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Wenn man monatelang Draußen lebt und schläft, wie kommt man danach mit der „normalen“ Welt zu Hause klar? Ging der Wiedereinstieg in die Zivilisation problemlos ab?

Ein schwieriges Thema. Der Alltag holt einen schneller ein, als man gucken kann. Am Tag nach meiner Rückkehr saß ich zum Beispiel beim Arbeitsamt, um mich zurückzumelden, das war schon hart. Ich glaube ich habe mich wieder ganz gut daran gewöhnt, aber oft sind mir Hektik und große Menschenmassen immer noch sehr suspekt und ich erwische mich dabei, wie ich in Gedanken wieder in die Einsamkeit Lapplands zurückkehre.

Thema Essen: Wenn man – wie Du – alles im Rucksack hat, muss man sich reduzieren. Wie war dein Proviantmanagement? Wann gab es die ersten Fressattacken und wovon träumt der Wanderer? Wie viel Gewicht blieb auf der Strecke?

Unterwegs habe ich mir von einer Bekannten in Norwegen Pakete mit Fertiggerichten und Schokolade zuschicken lassen, das hat ganz prima geklappt. Den Rest habe ich unterwegs auf den DNT-Hütten oder Supermärkten ergänzt. Wenn man geschickt plant, gibt es mehr Einkaufsgelegenheiten, als man denkt.

Fressattacken kamen gerade zum Schluss schon oft vor. Wenn ich dann in einem Supermarkt war, gab es eigentlich immer ein 300 g Packung Chips und 1,5 l Cola. Und ich weiß gar nicht, wie viele Tafeln Schokolade ich verputzt habe, es müssen locker über 100 gewesen sein, gerne auch die 200 g Tafeln besonders leckerer norwegischer Schokolade. Am Ende der Tour waren dann 20 kg weg, gerade als die Temperaturen im Herbst sanken, ging das unglaublich schnell. Da habe ich dann auch meine Leidenschaft für Butter entdeckt. Die schmeckt unterwegs auch pur ganz prima, am besten leicht gesalzen.

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Norwegen ist ein Land mit phantastischen Naturlandschaften. Welche Region hat Dir am besten gefallen?

Mein absolutes Highlight war der Herbst hoch im Norden. Der Øvre-Dividal-Nationalpark und auch die Gegend zwischen dem Reisadalen und Alta empfand ich als unglaublich schön. Die Natur hat dort etwas Rohes und Wuchtiges, das habe ich vorher selten erlebt. Dorthin möchte ich unbedingt einmal für eine längere Tour zurückkehren. Aber auch viele andere Gegenden wie das Børgefjell, das Saltfjellet oder Padjelanta und Rago, durch die ich ja oft im Schweinsgalopp gelaufen bin, möchte ich einmal länger besuchen. Da gibt es noch unglaublich viel zu entdecken, mehr als genug für nur ein Leben.

Thema Einsamkeit: Hattest Du das oft? War die Einsamkeit dann eher positiv oder kaum zu ertragen? Wie viele Tage hast Du mal keine andere Menschenseele gesehen?

Für mich war das Thema Einsamkeit eigentlich überhaupt keines, ich empfand das Alleinsein oftmals einfach als positive Entschleunigung. Ich komme sehr gut mit mir alleine klar, genieße es, auch einmal ein paar Tage niemanden zu sehen oder zu treffen. Aus vielen Gesprächen weiß ich aber, dass so etwas für andere Menschen beinahe unerträglich ist, viele können das ja selbst daheim kaum aushalten und schalten direkt den Fernseher ein, wenn sie nach Hause kommen. Ich glaube die längste Zeit war einmal fünf Tage, denn selbst in der tiefsten Wildnis knattert dann plötzlich ein Sami mit dem Quad umher, um nach seinen Rentieren zu schauen.

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Hermann Melville hat einmal gesagt: das Leben ist eine Reise, die heimwärts führt. Du bist geographisch zwar mit jedem Tag weiter von der Heimat weg Richtung Nordkap gegangen aber bist Du Dir selbst näher gekommen, hast du eine persönliche Erkenntnis in dieser Zeit erlangt?

Also das heimwärts kommen war in meinem Fall das ankommen auf Tour. Und zwar ankommen in dem Sinne, dass ich mich einfach gut fühlte, mit dem, was ich gerade mache. Ich habe mich am Ende der Tour einfach sau wohl gefühlt, durch die Gegend zu streifen und das zu tun, worauf ich am meisten Lust habe. Und genau das ist auch die Erkenntnis, die ich von der Tour mitgenommen habe, es gibt nichts Schöneres für mich, als für lange Zeit dem Alltag zu entfliehen und auf Wanderschaft zu gehen. Die Welt da draußen ist so unglaublich schön, da wäre es für mich einfach zu schade, seine Zeit nur daheim auf dem Sofa oder im Büro zu verbringen.

Es gibt ja Internetforen voll mit Ausrüstungslisten, was man für eine Weitwanderung braucht. Was war Dein ultimativ wichtigstes Ausrüstungsteil?

Definitiv die Schuhe! Ohne die richtigen und für einen selbst passenden Schuhe, auf die man sich immer verlassen können muss, ist man schnell geliefert auf solch einer Tour! Auch mein kuscheliger Daunenschlafsack war ein absoluter Glücksgriff, in dem habe ich nun schon weit über 200 Tage geschlafen und er ist immer noch einfach perfekt! Da lohnt sich die Investition ohne Wenn und Aber!

Und trotz dieser Listen hat man doch immer Überflüssiges im Rucksack. Was war es bei Dir?

Mein Borussia Dortmund Trikot und die BVB Fahne, die ich 140 Tage lang durch ganz Norwegen geschleppt habe. Aber als Überflüssig würde ich die nicht bezeichnen, eher als essentiell, ohne die geht es nie auf eine längere Tour!

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Wie lange hast Du Dich auf die Tour vorbereitet, oder kann man so ein Abenteuer einfach aus dem Kalten starten, nach dem Motto: „es ist ja genug Zeit, um in Form zu kommen ;-)“

Man kann es sicher auf beide Arten machen. Ich wusste von vorherigen Touren, das ich mit der Zeit relativ schnell in Form kommen würde, von daher habe ich mich nicht besonders vorbereitet. Es musste zudem auch noch unzählige Dinge vorher erledigt werde, da blieb auch ehrlicherwiese nicht so viel Zeit dafür. Aber ich kann eigentlich jedem nur empfehlen, sich Vorzubereiten, denn eine gute Kondition und Verfassung erleichtern einem die Tour ungemein, gerade am Anfang kann es ansonsten schnell auch für den Kopf sehr anstrengend werden.

Und für die Zukunft, was ist Dein nächstes Projekt?

Für dieses Jahr stehen erst einmal die Buchveröffentlichung und einige Vorträge im Fokus. Im Herbst geht es dann für gut zehn Tage in den Urlaub, natürlich zum Wandern nach Norwegen. Ganz gemütlich werden wir im Oktober Richtung Dovrefjell oder Rondane aufbrechen, um dort einfach eine gute Zeit zu haben. Und dann gucken wir mal, was im nächsten Jahr auf mich wartet.

Dein Tipp für alle, die auch mal das große Abenteuer wagen wollen:

Geht raus und macht es einfach! Denkt nicht zu viel darüber nach und schiebt es nicht auf die lange Bank! Macht einfach das, wovon ihr schon lange träumt! Wenn man es wirklich will, gibt es auf dem Weg dorthin keine Hindernisse und die Belohnung für die Mühen ist einfach fantastisch!

Simon, danke für das Gespräch!

Der Reisebericht “Norwegen der Länge nach” von Simon Michalowicz ist beim Verlag Malik erschienen.